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Start :. Tourdaten:. Die Ärzte:. Jenseits der Grenze des Zumutbaren

Die Ärzte am 20.12.2003 in Frankfurt/Main

Bericht von fr-aktuell.de

Enten füttern

Manchmal groß, manchmal auch nur solide: Die Ärzte vor 7000 Besuchern in der Frankfurter Festhalle, und jeder will der beste Fan der Welt sein

Wieso findet man die Ärzte eigentlich gut? Eine kleine Umfrage unter Freunden bringt folgendes ans Licht. Antwort 1: Weil ich am 9. April 1987 nach dem Würzburger Ärzte-Konzert zum ersten Mal die Frau meines Lebens geküsst habe. Antwort 2: Weil sie immer gut waren, weil sie sich vom Erfolg nie haben korrumpieren lassen und deshalb auch nie der Versuchung erlagen, ernsthafte Künstler oder gar erwachsen werden zu wollen. Antwort 3: Weil die einzige Alternative die Toten Hosen waren.


So war das in den Achtzigern. Wer gerade 15 war und verliebt, der brauchte die Ärzte und ein Lied wie Teenagerliebe. Wer gerade 15 war und frisch getrennt, der brauchte die Ärzte, ein Lied wie Für immer und vielleicht noch eine Flasche Apfelkorn. Viel anderes gab es nicht, vor allem nicht, wenn es deutsch sein sollte und Rock. Und so kann Bela den etwa 7 000 Teenagern, die heute auf ein Ärzte-Konzert gehen, zurufen: Der Soundtrack, den eure Eltern hörten, als sie euch zeugten, der kam von uns.


Lange Durststrecken

Die seit Wochen ausverkaufte Festhalle lacht. Die Stimmung ist gut, ach was sie ist blendend. Der Ehrgeiz der Anhänger folgt dem Motto der Band: Jeder möchte der beste Fan der Welt sein. Also besingt man die Ärzte schon, lange bevor sie überhaupt die Bühne betreten haben. Und also nimmt man ihnen auch die langen Durststrecken nicht krumm, die ihr zweistündiges Konzert später bietet, den unscharfen, quadratischen, allenfalls durchschnittlichen Stadionrock ohne Zug nach vorne, Musik, die der besten Band der Welt schlecht zu Gesicht steht und doch den Mittelteil ihres Konzerts beherrscht.

Meist ist da Bela B. am Mikrofon, der Schlagzeuger mit dem Drang zum Bühnenrand und dem etwas knarzigen, verschluckten Bass-Bariton. Wäre nur er der Leadsänger der Ärzte, wer weiß, unsere Pubertät hätte vielleicht ein anderes Ende genommen.

Die große Stärke der Ärzte, der euphorische, ewig junge Hedonismus, die spielerische Lust, die den Punk mit guter Laune und Leichtigkeit versöhnte, das alles ist Farin Urlaub, der vielleicht sympathischste Millionär des Musikbiz.


Urlaub selbst sagt von sich, dass ihm die lyrische Tiefe fehle, um ein wahrer Singer / Songwriter zu werden, aber gerade seine Verwurzelung im Hier und Jetzt, sein unangestrengter, mit Absurditäten gespickter Positivismus macht die Ärzte zur besten Band na ja, nicht unbedingt der Welt, aber allemal Berlins: 'Alles ist super, alles ist wunderbar / Hip Hip Hurra! Alles ist besser, als es damals war.'

In solchen Augenblicken wird die Lage im Parkett der Festhalle bedenklich. Schwere Jungs demonstrieren beim Pogo ihre Standfestigkeit, die leichten Jungs und die Mädchen schreien jede Zeile mit, und irgendwie ist alles wie früher. Oben eine kleine Rockband mit Bass, Gitarre, Schlagzeug und ohne jedes Bühnenbrimborium. Unten Ausgelassenheit.

Doch irgendwann versickert die Kraft, und Bela kommt mal wieder an den Bühnenrand, um seine Sticks mit prätentiöser, fast überheblicher Lässigkeit in die erste Reihe zu werfen. Nicht anders füttert man Enten mit Brotkrumen.

Und dann passiert der Ärzte-Gau. Die Halle verstummt. Niemand kreischt, niemand jubelt, niemand hat die Hände oben. Selbst das Pogen wurde eingestellt. Die Ärzte müssen ihr Publikum reanimieren: Macht doch mal ein bisschen Lärm, sagt Bela, und natürlich kommt da ein Organ zurück. Schließlich sind Ärzte-Fans die besten Fans der Welt. Auch wenn sie kurz einmal gelangweilt waren.

Spätestens mit den Zugaben holt Farin Urlaub sie wieder zurück. Unrockbar, die aktuelle Single, hat so viel Druck wie lange schon kein Ärzte-Lied mehr. Die Gitarren plärren, das Schlagzeug hämmert, und Farin singt: 'Du sagst, du magst es still und friedlich / Sei doch nicht so ungemütlich / Deine Schmusemasche zieht nicht / Pack deine Sachen. Ciao, man sieht sich'.

Denn wer unrockbar ist, hat in der Welt der Ärzte nichts verloren. Egal, ob man jetzt 15 ist oder 35. Die Wahrheit kennt kein Alter.

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Bela(!): Bela, ick kann dich nich leiden, geh doch zu den Prinzen!